#105 Rot-Grün-Sehschwäche kann mit Brille überwunden werden

Jeder zwölfte Mann und jede zweihundertste Frau leiden an einer Rot-Grün-Sehschwäche. Diese Farbfehlsichtigkeit ist genetisch bedingt, das krankheitsverursachende Gen liegt dabei auf dem X-Chromosom – der Grund, warum Männer deutlich häufiger betroffen sind. Fälschlicherweise wird diese Fehlsichtigkeit häufig umgangssprachlich als „farbenblind“ bezeichnet – in Wahrheit sind das zwei sehr unterschiedliche Erkrankungen, wie das nachfolgende Video erklärt:

Kurz erklärt: Menschen haben in ihren Augen Rezeptoren, sogenannte Zapfenzellen, in der Netzhaut – diese ermöglichen die Wahrnehmung von Farben. Diese Zapfen werden von rotem, grünen und blauen Licht besonders angeregt. Bei einer Rot-Grün-Schwäche funktionieren aufgrund eines angeborenen Genfehlers die Zapfenzellen für Rot und Grün nicht richtig und ihre Wellenlängen überlappen sich dabei. Bei einer partiellen Farbenblindheit fehlen die Zapfen für Rot, Grün oder Blau komplett oder funktionieren gar nicht. Bei totaler Farbenblindheit „können Menschen gar keine Farbnuancen mehr wahrnehmen. Außerdem sind sie sehr lichtempfindlich. Sie arbeiten stets im ‚Nachtmodus‘ und nehmen bei Dunkelheit nur noch Schemen wahr.“ (zeiss.de) Menschen mit Rot-Grün-Schwäche können mit dieser Einschränkung normalerweise sehr gut leben – man kennt es ja von Geburt an nicht anders und stellt sich darauf ein.

Nun tauchen immer mal wieder virale Videos auf, welche Menschen mit Rot-Grün-Sehschwäche zeigen, die durch eine neuartige Brille plötzlich erstmals die Farben so wahrnehmen können, wie sie Normalsehende auch wahrnehmen. Sind diese Videos Fake?

Nein. Das 2010 gegründete Unternehmen EnChroma hat wirklich eine solche Brille entwickelt. Wie diese Brille funktioniert ist halbwegs einfach erklärt: Sie ist so konzipiert, die überlappenden Wellenlängen der Rot- und Grün-Zapfen herauszufiltern und die Sättigung von roten und grünen Farbtöten zu erhöhen. Doch leider gibt es einige Haken: So richtig funktionieren die Brillen nur bei Sonnenschein voll und ganz, sie sind relativ teuer (ab 349 Dollar) und sind derzeit nur online bestellbar.

Entwickelt wurde die Brille von Don McPherson, welcher seinen PhD-Abschluss an der Alfred University in Alfred, New York in „Glass science“ (also „Glaswissenschaft“). Und doch war laut Technology Review alles ein Zufall: Eigentlich wollte McPherson eine Schutzbrille für DoktorInnen entwickeln, welche Laseroperationen durchführen – ein Freund, welcher an Rot-Grün-Schwäche litt, testete die Brille und bemerkte seine hochinteressante Wirkung. Um die ersten Prototypen weiterzuentwickeln hat sich McPherson mit Andrew Schmeder, einem Mathematiker und Informatiker zusammengesetzt – all das mündete 2010 in die Gründung des Unternehmens und in die erste Brille im Jahr 2012.

In den zahlreichen NutzerInnen-Videos wird die Wirkung der Brille meist tränenreich getestet:

EnChroma verspricht auf seiner Website ganz bewusst nicht zu viel. Die Brille funktioniert eindeutig, den Einsatz in Berufen, die das perfekte Erkennen von Farben voraussetzen, ist sie aber nicht zulässig.

Das „ColorCorrection System™“ des Mediziners Dr. Azman erklärt hingegen, dass mit den eigens hergestellten Brillen und Kontaktlinsten auch der Ishihara-Tafeln-Test bestanden werden kann – oftmals eine Grundvoraussetzung für solche Berufe. Der große Haken hier: Diese Technik wird nur in den USA von ihm selbst durchgeführt. EnChroma hat da eindeutig eine größere Breitenwirkung.


Weiterführende Links und Quellen:

Bildquelle: CC BY 2.0, Johannes Ahlmann, „Color Blindness“ Deuteranomaly demonstration, Flickr

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